Leseprobe aus "Cristal Blue" 

»Aua!« Mühsam unterdrückte Jens Wischkamp einen lauten Aufschrei. Stattdessen fluchte er nur leise vor sich hin, um seine Freundin Silvie nicht zu wecken und rieb sich sein schmerzendes Schienbein. Dann tastete er sich weiter zum Badezimmer, öffnete die Tür und machte das Licht an. Er hatte sich wieder einmal im dunklen Flur von Silvies kleiner Wohnung an irgendeiner Kommode gestoßen. Diese Wohnung war einfach zu klein für zwei Personen. Er wohnte jetzt seit ein paar Wochen hier, aber noch immer hatte er nicht alle seine Sachen aus Unna herüber holen können. Es gab einfach nicht genug Platz. Er wusste, wie sehr Silvie diese kleine Mansardenwohnung in dem windschiefen Fachwerkhaus am Werner Roggenmarkt liebte,aber so ging es nicht weiter. Er würde heute Abend mit ihr reden müssen. Nachdem er geduscht hatte, rasiert und gekämmt war, ging er in die kleine Küche, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Als Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei in Unna konnte man sich seine Dienstzeiten nicht immer aussuchen. Er war von seinen Kollegen angepiept worden. Jetzt griff er zum Telefon und rief im Kommissariat an. Seine Kollegin Verena Schneider meldete sich.

 

»Hallo, Jens. Gut, dass du anrufst, dann kannst du dir einen Weg sparen und gleich von Werne zum Tatort fahren. Die Kollegen von der Spurensicherung sind schon unterwegs, der Gerichtsmediziner auch.« »Hört sich nicht gut an, was ist denn überhauptpassiert und wo?« »Also, vor ungefähr einer Stunde hat die Notrufzentrale einen anonymen Anruf bekommen, dass es in der Nähe vom Schloss Nordkirchen eine Schießerei gegeben haben soll. Wir haben eine Streife hingeschickt, aber die Kollegen konnten nichts Auffälliges feststellen. Kurz darauf rief uns dann ein Landwirt aus Capelle an, dass am Rand seines Feldes ein Toter liegt. Mehr weiß ich bisher auch noch nicht. Am besten fährst du rüber und machst dir vor Ort selbst ein Bild. Eine Mordkommission haben wir vorsorglich eingerichtet.« »Okay, danke Verena. Ich mache mich gleich auf den Weg. Du kannst die Kollegen informieren, dass ich in etwa zwanzig Minuten da sein werde.«  Schnell schrieb Hauptkommissar Wischkamp noch eine Notiz für seine Freundin, dann verließ er so leise wie möglich die Wohnung. Sein Wagen stand etwa fünf Gehminuten weg an der B54 und wie versprochen dauerte es kaum zwanzig Minuten, bis er das Feld zwischen Capelle und Nordkirchen erreichte.  

 

Das Areal war weiträumig abgesperrt, die Kollegen hatten Scheinwerfer aufgestellt, so dass der gesamte Feldweg hell erleuchtet war. Jens zückte seine Marke, um sich auszuweisen, dann duckte er sich unter dem Absperrband durch und ging auf den Gerichtsmediziner zu. »Morgen, Doc. Hast du schon was?« Dr. Gerd Leinemann, der zuständige Gerichtsmediziner, hob den Kopf.  

»Nicht viel. Der Mann ist erschossen worden, aber ganz sicher nicht hier.« Dr. Leinemann deutete auf die Lage des Leichnams und die Schleifspuren. »Ich bin sicher, dass er hierher geschleift und dann hier abgelegt wurde. Hier ist viel zu wenig Blut. Um den Tatort näher bestimmen zu können, müssen die Kollegen das Gebiet bei Tagesanbruch absuchen. Vielleicht solltet ihr eine Hundestaffel anfordern.« Jens Wischkamp nickte. »Todeszeitpunkt?«, fragte er. Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Vor circa ein bis zwei Stunden, würde ich sagen. Er wurde von drei Kugeln getroffen. Die erste durchschlug seinen Oberschenkel, die zweite trat unter der zweiten Rippe ein und am Rücken wieder aus. Beide waren aber nicht tödlich, obwohl er ohne rechtzeitige Hilfe sicher daran verblutet wäre. Aber der Täter hat ihnanschließend mit einem Genickschuss sozusagen hingerichtet. Alles Weitere dann nach der Obduktion. Die Fotos sind gemacht. Kann ich ihn wegbringen lassen?«

J ens Wischkamp hatte sich hingehockt und sah dem Toten ins Gesicht. Der Mann war Anfang dreißig. »Hatte er Papiere bei sich?«, fragte er. Dr. Leinemann schüttelte den Kopf. »Keine Brieftasche, keine Ausweispapiere, kein Geld. Könnte ein Raubmord gewesen sein. Und wenn du mich fragst, der ist nicht von hier.  Sieh dir sein Gesicht an. Die hohen Wangenknochen, die dunkle Hautfarbe, die schwarzen Haare. Ich würde meinen, der Mann hat zumindest slawische Vorfahren. Vielleicht findet ihr ja was in eurer Datenbank, Fingerabdrücke haben die Kollegen bereits abgenommen. Ich werde auch noch ein DNA-Profil erstellen lassen, sobald ich ihn in der Pathologie habe.«  

 

Hauptkommissar Wischmann erhob sich und gab die Leiche zum Abtransport frei. Dann wandte er sich an einen Kollegen vom Team der Spurensicherung. »Habt ihr schon irgendetwas gefunden, was uns weiterhelfen kann?« Der Beamte deutete nickend  auf den Feldweg. »Da sind Reifenspuren, von einem großen Geländewagen, würde ich mal tippen. Wir haben Gipsabdrücke genommen, damit müsste sich zumindest der Reifentyp feststellen lassen. Außerdem haben wir auf dem Feldweg etwa 150 Meter von hier an einem Gebüsch jede Menge Zigarettenkippen gefunden. Für mich sieht das so aus, als hätte da jemand gewartet. Kann natürlich auch Zufall sein, aber wir haben sie mitgenommen. Da ist bestimmt DNA-fähiges Material dran.« Hauptkommissar Wischkamp nahm sein Handy und rief die Kripo in Unna an. Wieder meldete sich Verena Schneider. »Hallo, Schneiderlein. Schick bitte Suchtrupps und eine Hundestaffel. Wir haben eine männliche Leiche gefunden, Fotos und Fingerabdrücke sind schon zu euch unterwegs. Der Leichenfundort ist nicht identisch mit dem Tatort, wir müssen das ganze Gelände hier zwischen Capelle und Nordkirchen absuchen.Vielleicht finden wir irgendwo Patronenhülsen. Und lass dir bitte schon mal die Bandaufzeichnung von dem anonymen Anruf kommen, den möchte ich mir nachher noch anhören. Sobald du die Fotos und die Fingerabdrücke hast, jag sie bitte durch den Computer. Du solltest in Betracht ziehen, dass unser Toter vielleicht aus dem östlichen Ausland stammt, also auch die Kollegen in Russland, Polen,Tschechien und so weiter bitte mit einbeziehen. Ich rede jetzt noch mit demZeugen, der die Leiche gefunden hat und komme dann rüber zu euch.«

 

Leseprobe aus "Auf Herz und Nieren"

Schweiß rann ihm in Bächen den Rücken herunter. Gehetzt blickte er in den Rückspiegel. Sie würden ihn suchen, das wusste er genau. Er wusste nicht, wer sie waren. Aber sie hatten ihn dort gesehen. Sie hatten das Auto gesehen, mit dem er abgehauen war, Werners Auto. Und nun war er sicher, sie waren hinter ihm her. Dabei war er nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. In seinem Leben ging aber auch alles schief. Er konnte noch immer nicht richtig durchatmen. Seine Panik hatte ihn fest imGriff.     

Im Augenblick konnte er jedoch nichts Verdächtiges entdecken.Seine Hände umklammerten noch immer verkrampft das Lenkrad. Vorsichtig versuchte er, sich zu entspannen. Es wurde langsam dunkel und hier, zwischenden großen Lkws auf dem Autobahnparkplatz Overberger Busch, auf der A1 kurz vor dem Kamener Kreuz, fühlte er sich für den Augenblick einigermaßen sicher.       

 

Er lehnte sich vorsichtig zurück und schloss die Augen. Sein Atem ging noch immer stoßweise, das Adrenalin peitschte seinen Blutdruck in die Höhe. Ihm wurde schwindelig. Er riss die Augen sofort wieder weit auf. »Jetzt nur nicht schlappmachen, alter Junge«, dachte er.       

Er musste nachdenken. Gefolgt waren sie ihm offensichtlich nicht. Solange er hier auf dem Parkplatz stehen blieb, würde ihm nichts passieren. Aber er konnte ja nicht ewig hier stehen bleiben. Nach Hause, zu seinen Eltern, wollte er nicht, da würden sie zuerst nach ihm suchen. Falls sie überhaupt wussten, wer er war. Aber durfte er sich darauf verlassen, dass sie es nicht wussten? Fieberhaft überlegte er, wie es weitergehen sollte.        

 

Er könnte zur Polizei gehen. Aber würden die ihm glauben, dass er mit der ganzen Sache rein gar nichts zu tun hatte? Wahrscheinlich nicht .Denn dass er abgehauen war, machte ihn ja auch nicht gerade unverdächtiger. Aber was hätte er denn tun sollen? Die Wohnungstür war offen gewesen. Da lag Werner und alles war voller Blut. Er war so blöd gewesen, das Messer hochzuheben. Da waren jetzt seine Fingerabdrücke drauf. War sowieso nur eine Frage der Zeit, bis auch die Bullen hinter ihm her wären.      

Dann hatte er gespürt, dass er nicht allein in der Wohnung war. Er hatte es mit der Angst zu tun bekommen, Werners Autoschlüssel vom Haken gerissen und fluchtartig die Wohnung verlassen. Auf der Treppe hatte er sie gehört, aber er war schneller. Werners Golf stand direkt vor der Tür. Im Rückspiegel hatte er noch die zwei Gestalten gesehen. Einer von ihnen hatte eine Waffe in der Hand. Kurz bevor er um die Straßenecke gebogen war, hatte er gesehen, dass sie auf ihr Auto zustürzten. Sie hatten Werner umgebracht und er hatte sie gesehen. Sein Leben war keinen Pfifferling mehr wert. Er war in Werne aufgewachsen und kannte hier jede noch so kleine Gasse. Mit fast 100 Sachen war er durch die dreißiger Zone in der Berliner Straße gerast. Die rote Ampel hatte er ebenso ignoriert wie das Quietschen und Kreischen, als der alte Golf über die Barrieren dieser verkehrsberuhigten Zone jagte. Er wollte zur Autobahn und nur noch weg. Immer wieder hatte er in den Rückspiegel gesehen, aber da war nichts. Er hatte sie offensichtlich abgehängt. Und dann hatte er endlich die Autobahn erreicht. Der Schweiß brannte in seinen Augen und er hatte gewusst, dass er so nicht weiterfahren konnte. Er musste sich beruhigen. Endlich kamdieser Parkplatz. Hier war er erst einmal in Sicherheit.        

 

Erst heute früh war er aus der JVA Aachen entlassen worden, wo er sechs Jahre wegen schweren Raubes abgesessen hatte. Er hatte Werner angerufen und der hatte sofort gesagt:          

»Klar, komm her. Kannst für ein paar Tage hier pennen, bis du was gefunden hast. Zu deinen Eltern willst du ja wohl nicht, was?«      

Ihm war klar gewesen, dass Werner ihm helfen würde.Schließlich hatten sie den Bruch zusammen gemacht, aber er hatte Werner nicht verpfiffen. Wieso hätten sie auch beide sitzen sollen? Blöd war damals nur, dass die Bullen bei ihm auch die gesamte Beute gefunden hatten. Startkapital hatte er also nicht. Aber Werner würde sicher was einfallen. Werner fiel doch immer was ein.      

Und dann war alles so ganz anders gekommen. »Was für ein beschissener Tag«, fluchte er vor sich hin. ...   


 

»Und was machen wir jetzt?»      

Armin Wiefels sah sein Gegenüber an. Der zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung, ehrlich. Das ist alles ziemlich Scheiße gelaufen heute. Wieso hat der Penner uns nicht gesagt, was wir wissen wollten?«

»Ach ja, und wieso hast du ihm einfach das Messer in den Bauch gerammt?«    

Hämisch grinsend sah Martin Breisbach seinen Komplizen an.

»Es hat mir Spaß gemacht, ich wollte sein Blut sehen. War der Idiot doch selber schuld. Und schießen konnte ich ja nicht, das hätten die Nachbarn sofort gehört und die Bullen gerufen.«

Armin lief ein kleiner Schauer über den Rücken. Dass Martin gewalttätig war, wusste er. Aber diese kalte Mordlust, die er heute früh in Werner Meiers Wohnung in Werne-Stockum in den Augen des Anderen gesehen hatte, hatte ihn erschreckt.

 

»Und wie sollen wir dem Boss jetzt erklären, dass wir nicht ein Stück weitergekommen sind?«      

Martin zuckte mit den Schultern.

»Ich lass' mir schon was einfallen. Der Meier hatte eine Freundin und ich weiß, wo wir die finden. Wir nehmen uns die Kleine mal vor. Die weiß bestimmt, wo Meier die Unterlagen versteckt hat, die der Boss so dringend haben will. Falls er sie überhaupt schon hatte. Schließlich hat der Idiot das Verhältnis mit der Kleinen doch nurangefangen, um in der Wohnung ihrer Eltern ungestört nach diesen verfluchten Unterlagen suchen zu können. Sie wird schon wissen, wie wir da ran kommen. Und sie wird es uns sagen, das kannst du mir ruhig glauben. Ich bin wirklich gut imÜberreden.«  

Wieder zog dieses grausame Grinsen über Martins Gesicht.      

»Aber wenn er sie noch gar nicht hatte, oder wenn sie nichts sagt, willst du sie dann auch umbringen?«

»Zeugen können wir nicht gebrauchen, Kleiner. Ich weiß schon, was ich tue.«

»Apropos Zeugen, was ist denn mit dem Typen, der in der Wohnung war heute Mittag?«      

Martins Gesicht verfinsterte sich.     

»Den müssen wir auch noch finden. Ich glaube zwar nicht, dass er uns erkennen würde, und dass er das Messer in die Hand genommen hat, war ziemlich blöd von ihm. Da sind jetzt nur seine Fingerabdrücke drauf. Aber wir können es trotzdem nicht riskieren, dass er zu den Bullen geht.«

»Und wie willst du das verhindern? Wir wissen doch gar nicht, wer das war.«       

 

Martin Breisbach grinste und griff in seine Jackentasche.

»Das nicht. Aber ich habe die Autonummer und ich habe da jemanden, der mir helfen wird, die Karre zu finden. Alles nur eine Frage der Zeit. Und jetzt hör’ auf, dämliche Fragen zu stellen. Wir müssen unbedingt die Kleine von dem Typen finden. Ihre Adresse habe ich. Wir fahren da jetzt hin, und wenn dieGelegenheit günstig ist, schnappen wir sie uns. Um den anderen Kerl können wir uns dann immer noch kümmern.«

 


Leseprobe aus Anonymus@

 

Jens Wischkamp war am Nachmittagwie versprochen in der Werner Polizeiwache am Bahnhof aufgetaucht. Dampfender, frischer Kaffee wartete auf ihn. Der junge Kollege zeigte ihm Fotos von einer Katze.

»So sah das arme Tier aus, als es noch gesund und munter bei seinen Besitzern weilte.«

Jens sah eine braun getigerte kleine Katze mit weißen Pfoten und einem rosa Näschen. Dann legte Christian ihm die Fotos vor, die ein Polizeibeamter im Garten der Besitzer geschossen hatte, nachdem diese die Polizei angerufen hatten.

Jens musste schlucken.

»Das ist ja ekelhaft. Wer kommt denn nur auf solch eine perverse Idee?«

Eines der Fotos zeigte das Fell der Katze, auf den anderen Bildern erkannte man, dass jemand die Katze in viele Teile zerlegt hatte. Sogar die Augen hatte man dem Tierchen aus dem Schädel geholt. Jens wurde übel. Er wandte sich ab.

»Ein Foto musst du dir nochansehen, Jens.«

Christian Brückner schob ihm eine Gesamtaufnahme der aufgefundenen Körperteile zu. Widerwillig sah Jens auf das Foto. Mit einem fragenden Blick hob er den Kopf.

»Ja, uns ist es auch zuerst nicht aufgefallen. Aber sieh mal«, Christian Brückner nahm ein Duplikat des Fotos, auf dem er mit einem Filzstift die Umrisse des Tierkadavers nachgezeichnet hatte. Vor den Augen des Kommissars erschien das Wort »Puzzle«.

Jens schlug mit der Faust auf denTisch.

»Das ist wirklich unglaublich. Wenn ich den Kerl in die Finger kriegen würde ...»

Christian Brückner nickte. Dannschob er eine Plastiktüte über den Tisch, in dem sich ein Papierfetzen von etwa 5 cm Breite und 3 cm Höhe befand. Es sah wirklich aus wie ein Stück einer Buch- oder Zeitschriftenseite.

 

Mit klopfendem Herzen nahm er das Messer zur Hand. Das kleine Lebewesen sah ihn mit großen, schreckerfüllten Augen an. Er griff nach den Lederhandschuhen, schließlich wollte er sich nicht .....

 

Mehr war nicht zu lesen. Jens wurde nachdenklich. Etwas an diesen Sätzen kam ihm bekannt vor, aber konnte auf Anhieb nicht sagen, was es war.

»Das sieht ja ganz so aus, als hätte unser Täter nach einer Vorlage gearbeitet. Das ist doch krank, einfach nur krank.«

Christian Brückner nickte.

»Zumindest glaubst du jetzt nicht mehr, es sei ein belangloses Stück Altpapier, was wir da gefunden haben.«

»Nein, ganz sicher nicht. DerTäter hat das absichtlich so platziert, dass ihr es finden musstet. Aber ehrlich, Christian, ich weiß nicht, wie ich euch dabei helfen kann. Wenn solche Fälle gehäuft auftreten, was der Himmel verhüten möge, dann kann ich tätig werden, aber so? Es ist leider genauso, wie du schon am Telefon gesagt hast. Nach den Buchstaben des Gesetzes haben wir es hier mit einer Sachbeschädigung zu tun und dafür bin ich nicht zuständig. Haltet aber die Augen offen und wenn das noch einmal passiert, ruf mich sofort an. Dann werde ich sehen, was wir tun können, um dem Kerl das Handwerk zu legen.«

Jens machte sich auf den Heimweg. Die Bilder der toten Katze verfolgten ihn. Und immer wieder überlegte er, wo er diese Sätze auf dem Papierfetzen schon gehört oder gelesen haben könnte, aber es wollte ihm nicht einfallen.

Silvie wartete bereits mit dem Essen auf ihn. Forschend sah sie ihm ins Gesicht.

»Du siehst so nachdenklich aus, mein Lieber. Ist etwas passiert? Am Telefon hast du doch gesagt, es sei alles ruhig.«

»Ist es in Unna auch. Aber ich war noch kurz auf der Wache in Werne. Hier treibt wohl ein Katzenfänger sein Unwesen. Heute früh hat man eine tote Katze gefunden und die war grausam zugerichtet. Ich denke jetzt darüber nach, wie krank ein Mensch im Kopf sein muss, einem wehrlosen Tier so etwas anzutun.«

Silvie strich ihm übers Haar. Sie wusste, dass ihr Mann sehr tierlieb war. Dass ihm so etwas unter die Haut ging, konnte sie also gut verstehen. Also versuchte sie, ihn abzulenken.

»Komm, lass uns essen. Und danach machen wir beide einen schönen Spaziergang, das wird dich sicher auf andere Gedanken bringen.«

 

...

 

Er saß auf seinem Stuhl, die Hände vor sich auf dem Tisch und beobachtete das Flackern der vielen Kerzen. Hier, in seinem kleinen Refugium, wollte er kein elektrisches Licht haben. DieKerzen gaben dem Raum eine fast unwirkliche Atmosphäre. Niemand wusste von diesem Raum, hier war er ganz allein mit sich und seinen Plänen. Er lächelte. Es hatte begonnen. Er erinnerte sich an das Herzklopfen, dass er gestern Morgen verspürt hatte. Er hatte es sich leichter vorgestellt, das auszuführen, was er sich vorgenommen hatte. Aber es musste sein. Er würde sich überwinden. Und wer wusste es schon, vielleicht würde er es bald sogar genießen können.

Vielleicht wäre es besser, es noch ein zweites Mal zu probieren, nur so zur Sicherheit. Denn der gewünschte Erfolg war ausgeblieben. Zwar gab es in der Zeitung einen kurzen Bericht, aber offensichtlich hatte die Polizei seinen Hinweis überhaupt nicht verstanden. Da stand nichts davon, wie liebevoll er alles arrangiert hatte. Da stand nichts davon, wie viel Mühe er sich gegeben hatte, Aufmerksamkeit zu erregen. Und von dem Teil der Buchseite hatten sie auch nicht berichtet.

Diese ignoranten Kleinstädter wollten oder konnten offensichtlich gar nicht verstehen, dass er ihnen ein Kunstwerk hinterlassen hatte, das einem ganz besonderen Zweck geweiht war.

Hässlich lachte er auf. Die würden schon sehen, wohin sie das führte. Sie würden ihn nicht  lange ignorieren können, da war er sich sicher. Er würde schon dafür sorgen, dass ihnen die Augen geöffnet wurden. Und wenn diese beschauliche kleine Stadt nicht der richtige Schauplatz für sein Vorhaben war, nun, dann würde er sich in einer anderen Region umschauen müssen.

Er nahm das Buch zur Hand, aus dessen Mitte er einen Papierfetzen herausgerissen hatte, um der Polizei einen entscheidenden Hinweis zu liefern. Einen Hinweis, der dazu führen sollte, das sein Name genannt wurde. Nein, nicht sein Name, dazu war er viel zu vorsichtig. Ihn würden sie niemals erwischen. Aber sie sollten erkennen, woher er seine Ideen bezog. Das würde dazu führen, dass man den, für den er dies alles tat, endlich so wichtig nahm, wie es ihm zustand. Vorsichtig, um die anderen Seiten nicht zu beschädigen, löste er ein weiteres Stück aus dieser Seite heraus.

Dann begann er, seine Tasche zu packen. Er brauchte Handschuhe, um sich nicht zu verletzen. Diese kleinen Biester waren so widerspenstig und kratzten und bissen. Das Messer, das er gestern gründlich gereinigt hatte, würde er wieder verwenden. Den neuen Papierfetzen packte er sorgfältig in eine Plastiktüte. Bei all diesen Vorgängen hatte er dünne Latexhandschuhe an. Niemand sollte seine Fingerabdrücke finden können. Denn dass sie irgendwann nicht mehr umhin konnten, alles auf Fingerabdrücke zu untersuchen, das war ihm schon klar. Er musste schlucken. Er wusste, dass er weitergehen musste auf dem Weg, den er eingeschlagen hatte. Und er hatte Angst davor. Ein Tier, das war eben nur ein Tier. Aber damit würde es nicht getan sein. Damit hatte es begonnen, aber aufhören würde es damit nicht. Und es kamen ihm Zweifel, ob er wirklich in der Lage sein würde auszuführen, was er sich vorgenommen hatte.

Dann aber griff er wieder zu dem Buch. Da stand seine Rolle in kleinen schwarzen Buchstaben auf  weißem Papier gedruckt. Er würde diese Rolle spielen, genau nach den Vorgaben des Buches. Er würde dieses Werk lebendig werden lassen. Durch ihn wurde diese Fiktion zur Realität. Dann würde niemand mehr daran vorbeigehen können. Jeder würde sie lesen wollen, diese Romane, von denen er eines als Drehbuch für seine Taten benutzt hatte. Jeder würde wissen wollen, wie es weitergeht. Eigentlich waren sie es selbst schuld. Wenn sie, genau wie er, von Anfang an erkannt hätten,welches Genie in dem Schreiber dieser Zeilen steckte, dann wäre es gar nicht notwendig, dass er sich so engagierte. Aber sie waren dumm, unwissend,ungläubig. Er würde ihnen den Glauben bringen. Den Glauben daran, dass alles,was da geschrieben stand, ganz leicht Wirklichkeit werden konnte.

Er nahm die Polaroid-Fotos zur Hand,die er nach der Vollendung seiner Tat gemacht hatte. Das Arrangement war ihm wirklich gut geglückt, aber diese bornierten Beamten hatten das offensichtlich gar nicht zur Kenntnis genommen. Nun, beim nächsten Mal würden sie es tun müssen.

Er stockte. Eigentlich hatte er sich ja überlegt, woanders hinzugehen. Aber konnte er dann sicher sein, dass ein anderer Polizist die Augen besser aufmachte? War es nicht vielleicht doch sinnvoller, noch einmal hier zuzuschlagen?

Er wurde unsicher. Er hatte sich seinen Plan so schön zurechtgelegt und nun musste er so viel nachdenken. Nachdenken versursachte ihm immer starke Kopfschmerzen. Das mochte er nicht. Er hatte ein Ziel und das wollte und musste er erreichen. Nun gut, einmal noch würde er der örtlichen Polizei hier die Chance geben zu erkennen, dass sie die Hinweise, die er ihnen lieferte, nicht übersehen durften. Heute Abend würde er sich noch einmal auf die Suche machen. Und spätestens übermorgen müsste dann in der Zeitung doch ein Hinweis zu finden sein. Er brauchte diesen Hinweis, um dem Anderen zu beweisen, dass sein Plan funktionierte. So, wie er es versprochen hatte.